Umweltpädagogin Susanne Mohr im Interview am 15. 06. 2018

Guten Tag Frau Mohr. Sie hatten in den letzten Wochen viel zu tun – mit wie vielen Schülern aus Crossen, Bad Köstritz und Gera haben Sie bereits Projekttage zum Gewässer- und Hochwasserschutz durchgeführt?
Schätzungsweise mit 70 bis 80 Schülern.

Sie hatten die Schlauchboottour als besonderen Teil der Projekttage schon erwähnt, könnten Sie Ihren Bildungsansatz noch etwas genauer erklären?
Mein Ansatz ist, dass die Kinder die Themen Hochwasser- und Gewässerschutz möglichst ganzheitlich erfahren. Dass sie in der Gruppe nicht nur über das Wasser reden, sondern den Flusslauf ganz konkret erspüren können, mit ihrem Körper. Das passiert bei einer Schlauchboottour hautnah, sozusagen. Die Strömung zu spüren, die Schwellen im Fluss zu überfahren, da wo Begradigungen im Flusslauf stattgefunden haben… auch zu erleben wie sich der Fluss wandelt… mal abseits der Strömung hängen zu bleiben… zu sehen, wo Tiere auffliegen oder wo sie leben – das sind die prägendsten Erfahrungen. Wenn ich ein Projekt mache, bei dem ich nur rede, bleibt bei weitem nicht so viel hängen. Die Kinder müssen ganz konkret etwas erleben.

Wir haben dann auch die Tiere an der Weißen Elster gesucht und gefunden, haben sie mikroskopiert, uns also nochmal genau damit beschäftigt, was im Fluss lebt. Und diese Bilder, die bleiben im Kopf hängen. Das ist mein Ansatz. Und ich habe die Hoffnung, dass Kinder wegen diesen starken Eindrücken dann darüber auch zu Hause reden.

Gab es eine Art Vorbildung oder ein generelles Bewusstsein für diese Themen?
Ich denke, die vom Hochwasser betroffenen Schüler haben wahrgenommen, wie stark sich Hochwasser auswirken kann. Die Frage ist immer wie präsent das heute noch ist. So etwas verschwindet eben auch wieder aus dem Bewusstsein der Jugendlichen. Es gab eine Schülerin, die sagte: „Da war doch letztens wieder mehr Hochwasser …“ und es gäbe doch auch schlammiges Wasser.  Bei den Schülern hängt es davon ab, wie offen sie für das Thema sind, wie viel Zeitung sie lesen und wie viel im Elternhaus darüber gesprochen wird.

Das heißt, dass Ihre Arbeit sich bis nach Hause ins Elternhaus auswirkt?
Genau, das ist ein wichtiger Punkt, der Austausch und die Erfahrungen der Jugendlichen sollen bis in die Familie hinein strahlen. Wie kriegen wir das hin? Zum einen über diese Erlebnisse, von denen die Kinder berichten, zum anderen auch über die Befragung der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft.

Erzählen Sie kurz dazu; was mussten die Kinder tun?
Die Schüler haben eine Hausaufgabe bekommen. Mit einem Interview-Leitfaden sind sie nach Hause gegangen und haben ihre Eltern, Großeltern oder Nachbarn interviewt. Die Ergebnisse wurden zurück gebracht samt Fotos oder Zeitungsauschnitten. Nicht jeder ist betroffen aber der ein oder andere hat seine Erfahrungen nochmal reflektiert und die Familie bekam mit: „Aha, hier beschäftigt man sich mit dem Thema.“ Die Kinder haben aus ihren Ergebnissen dann Plakate erstellt und diese vor der Klasse präsentiert.

War das für die Schüler selbst noch ein emotionales, sensibles Thema?
Bei Einzelnen schon. Die sagten: „Ich musste mit meinem Vater den ganzen Garten aufräumen, eine neue Laube aufbauen…“ oder sie hatten das Wasser bis im Keller, waren mitunter fünf Tage eingeschlossen in der Wohnung, weil die untere Etage gespült war. Also die Bilder waren schon noch lebendig. Das sind ja auch prägende Erlebnisse, die man nicht so schnell vergisst. Andere Jugendliche, die zugezogen sind oder nicht in dem Bereich wohnten, hatten eine größere Distanz zu dem Thema. Es ist ja auch schon wieder ein paar Jahre her, die Kinder waren da vielleicht sieben oder acht Jahre alt.

Hoffentlich erleben sie es in nächster Zeit nicht nochmal.

Frau Mohr, beauftragt zu Ihrer Arbeit hat sie die Thüringer Landgesellschaft als Bauherr für die gesamte Maßnahmenplanung von Gera-Milbitz bis zur Landesgrenze Sachsen-Anhalt. Wie stehen Sie zu der Öffentlichkeitsarbeit und der Fokussierung auf die pädagogische Arbeit in den Schulen?
Ich finde das super und total wichtig, weil oftmals solche Planungen an den Menschen vorbei gehen. Viele betrifft das Vorhaben noch nicht in dieser Planungsphase oder in dieser Zeitspanne. Betroffenheit entsteht meist erst, wenn die Planungen schon weiter voran geschritten sind. Die frühe Einbindung finde ich gerade auch für die Demokratiebildung sehr wichtig, damit die Kinder merken, wie so ein Planungsablauf vorangeht. Von daher ist das eine super Sache, wenn man das frühzeitig angeht und nicht erst, wenn der Plan auf dem Tisch in irgendeinem Kämmerlein ausliegt. Die Thüringer Landgesellschaft macht das ja auch so mit der Öffentlichkeitsarbeit, so dass die Bevölkerung regelmäßig informiert wird und insbesondere auch die Bürger, die betroffen sind. Ich denke das ist wichtig, damit solche Vorhaben in der Bevölkerung akzeptiert werden. Und so etwas funktioniert natürlich auch über die Bildung. Im Idealfall wirken sich die Erfahrungen nicht nur auf dieses eine Projekt aus, sondern man könnte hoffen, dass die Kinder auch erfahren, dass man so ein Vorgehen auch bei anderen Bauvorhaben anwenden könnte oder sollte.

Das heißt durch die Öffentlichkeitsbeteiligung, die Informationsveranstaltungen und die Begehungen einerseits-, und jetzt Ihre Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen andererseits, da spricht man verschieden Gruppe an?
Auf alle Fälle. Die Kinder und Jugendlichen würden auf die Bürgerversammlungen wahrscheinlich gar nicht oder nur im Einzelfall gehen, wenn Eltern oder Großeltern betroffen sind, weil vielleicht der Garten abgegeben werden muss. Aber in so einer Breite wie bei Schulprojekten werden diese Veranstaltungen von Jugendlichen nicht wahrgenommen werden.

Da ist die Arbeit in den Schulen dann schon das ideale Format?
Ja, zumal Inhalte auch von der Lehrerschaft nochmal aufbereitet werden können, das heißt, es fließt in den Unterrichtsinhalt ein oder auch in spätere Projekte. Nachfolgend soll es zum Beispiel eine Schülerarbeit der zehnten Klasse in Gera geben, die sich mit dem Hochwasserschutz beschäftigen möchte, so dass es also auch Fortsetzungen gibt.

Wissen die Schüler jetzt, was eine EU-Wasserrahmen-Richtlinie ist oder wie ein Genehmigungsverfahren bei der Behörde funktioniert?
Das werden sie nicht wissen, nein. Die Wasserrahmenrichtlinie erwähne ich nur kurz, viel wichtiger ist, dass sie sich mit dem Fluss an sich beschäftigen und die Tiere darin kennen lernen. Und dass sie wissen, dass es Leute gibt, die sich darum bemühen, den Hochwasserschutz zu verbessern, sodass man zukünftig besser geschützt ist in den Ortschaften direkt an der Weißen Elster. Und das haben sie auch erfahren,  nicht nur von mir sondern auch von den Fachleuten der Thüringer Landgesellschaft. Auf unserer Schlauchboottour haben sie es hautnah erlebt, wie die Weiße Elster fließt und erfahren, wo sich was verändern soll.

Und Sie? Haben Sie noch Visionen, Vorstellungen oder Ideen, wie die Bildungsarbeit noch fortgesetzt werden kann an der Weißen Elster?
Ich stelle mir vor, dass man diese pädagogische Arbeit regelmäßig umsetzt. Nachfolgende Schulklassen sollten die gleichen Erfahrungen machen wie jene, die jetzt dabei waren. Die Kinder und Jugendlichen können sich in den nächsten drei oder vier Jahre noch auf verschiedenste Weise mit dem Bauvorhaben im Hochwasserschutz beschäftigen, sei es dass wir uns die Pläne mal genauer ansehen oder später dann die Bauarbeiten. Das wäre eine kontinuierliche Arbeit, damit auch wirklich gesehen wird, was vorangeht und was passiert. Die Zeiträume dazwischen der Planung und bis der Bagger vor Ort wirklich anfängt, den Deich umzubauen, sind ja doch recht groß…

Frau Mohr, ich danke Ihnen recht herzlich. Viel Erfolg in Ihrer weiteren Arbeit!

Dipl.-Ing., M.A. Susanne Mohr ist Umwelt- und Naturerlebnispädagogin. Mit Ihrem Büro Sinnfonia begleitet sie im Auftrag der Thüringer Landgesellschaft die Hochwasser- und Gewässerschutzplanungen im Projektgebiet entlang der Weißen Elster.